Jedes Jahr begeht die Kirche am 4. Ostersonntag den Weltgebetstag für geistliche Berufe. Diese Feier wurde 1964 vom Papst Paul VI. eingeführt. Wir alle tragen Verantwortung. Die Berufungen zum Christsein, Priestertum, Ordensleben oder andere Formen der Nachfolge Jesu kann man nicht einfach planen und organisieren. Sie fallen auch nicht einfach vom Himmel. Ja, selbst das Gebet um Berufungen, so wichtig und unverzichtbar es ist, reicht allein nicht immer aus. Heute wie damals vor 2000 Jahren ist es der Herr selbst, der Menschen ruft. Nur er kann die Herzen von Menschen berühren und ergreifen. Nur er selbst kann in das Leben von Menschen eintreten und zu einer Freundschaft einladen, die niemals endet und, die das Herz erfreut. Doch wo ist heute dieser rufende Gott? Die Tatsache ist, dass die Zahl derer, die geistliche Berufe aufnehmen wollen, sehr gering ist. Deshalb wird diese Frage immer aktueller. Wo können Menschen Gott heute erfahren, seine Nähe spüren und seine Stimme hören?

Wir wissen es. Gott lebt dort, wo Kirche gelebt wird. Wo Menschen in der gegenseitigen Liebe geschwisterlich miteinander leben, da wohnt Gott in ihrer Mitte, da ist der rufende Gott. Das bekannte Lied mit dem Jesuswort: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." ist fast zu einem Schlager geworden. Vielleicht geht uns dieses Lied zu leicht über die Lippen. Im Namen Jesu versammelt sein heißt: in seiner Liebe beisammen zu sein. Eine Liebe, die alle meint, sogar die Feinde; eine Liebe, die sich klein machen kann und dient; eine Liebe, die bedingungslos liebt; eine Liebe, die sich ganz in den anderen hinein versetzt und Freude und Schmerz mit ihm teilt. Wo Christen in dieser Liebe zusammenleben, wo diese Liebe gegenseitig wird, konkret gelebt wird, da ist Gott. Da wohnt Gott in ihrer Mitte.

Ich bin davon überzeugt, dass da, wo Christen so leben, wo wir in herzlicher Freundschaft ein Netz lebendiger, liebevoller Beziehungen verwirklichen, der rufende Gott anwesend ist. In einer Kirche und in einer Gemeinde, in der in vielen Gruppen und Gemeinschaften Familie erlebt wird, wo man diese Freude erfährt, dort spürt man die Gegenwart Jesu in ihrer Mitte.

In einem solchen Klima der Einheit sind Menschen fasziniert und werden dadurch angezogen. Dort spüren sie die Einladung zum Christsein. Dort wird die schönste und grundlegendste Berufung geweckt: Die Berufung zum Christsein. Dort geschehen dann auch besondere Berufungen: die zur christlichen Ehe und Familie, zum Priester und Ordensberuf, zum pastoralen Dienst und Berufungen jeglicher Art. Nehmen wir diesen Tag der geistlichen Berufe zum Anlass, uns neu über unsere eigene Berufung zum Christsein zu freuen. Beten wir, dass die Kirche alle Dienste und Berufungen hat, die sie heute braucht, um ein guter Lebensraum für uns Menschen zu sein.

Im heutigen Evangelium sagt Jesus, dass er die Tür ist, die sich immer wieder für alle öffnet und uns die Weide der Freiheit und des Lebens schenkt. Jesus öffnet uns die Tür des Glaubens, die zum Leben führt, weil er gesagt hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“. Er garantiert absolute Verlässlichkeit und Sicherheit für das Leben. 

Jesus ruft uns immer zu diesem Leben in Freiheit und Frieden. Die geistlichen Berufe sind ein Ruf Menschen dieses Leben in Freiheit und Frieden zu ermöglichen. Das ist ein Ruf, um Türen für anderen zu werden und zu öffnen. Wir Christen sollen auch von uns sagen: „Ich bin die Tür“, wie Jesus es sagt. Ich bin dafür da, andere zu schützen, ihnen Ängste zu nehmen und Geborgenheit zu schenken. Ein Christ ist niemals nur für sich selbst da. Wie Christus ist er immer da für die anderen. Der Ruf bedeutet für andere Menschen zu leben, wie Mutter Theresa von Kalkutta oder Maximilian Kolbe usw.

Leider müssen wir feststellen, dass es manchmal schwarze Schafe nicht nur unter den Schafen gaben, sondern auch unter den Hirten. Die Skandale der letzten Jahre haben das schwerwiegende Versagen und den besonders tiefen Vertrauensverlust gegenüber den Hirten offengelegt. Im Evangelium geht es nicht nur um den Hirten Jesus, sondern um die, die ihn repräsentieren, die in seiner Nachfolge seine Herde weiden. Als entscheidendes Kriterium wird genannt, dass der Hirt durch die Tür zu den Schafen geht und nicht sonst irgendwie einsteigt in den Stall. Die Tür selbst ist aber Jesus. Durch ihn und mit ihm und in ihm nimmt man legitim am Hirtendienst teil. Wir beten heute, dass alle, die Verantwortung in der Kirche tragen, nach dem Beispiel des guten Hirten Jesus leben und handeln.   

Zugleich haben wir heute auch Gelegenheit, denen zu danken, die in den Ordensgemeinschaften und in anderen Formen des Gott-geweihten Lebens auf so vielfältige Weise in der Nachfolge Jesu stehen. Dankend denken wir auch an die Frauen und Männer, die hauptamtlich und ehrenamtlich, liebevoll und aufopfernd, ihren Dienst in unseren Pfarren tun. Sie zeigen damit, dass wir alle diesen Ruf Jesu verwirklichen können.

Ich schließe meine Gedanken mit einem Gebet: Herr, du hast uns zum Dienst in Deiner Kirche berufen, um Zeugen Deines Wortes und Deiner Liebe zu sein. Gib uns Deinen Geist für die Begegnung mit Menschen. Mache uns fähig, miteinander zu helfen und zu lieben. Amen.


Dr. Isaac Padinjarekuttu